Marmor und Michelangelo

Die Gladiatoren von Carrara. Teufelsjob im Marmorbruch

In der Region um die nordtoskanische Stadt Carrara (keltisch für „Steinbruch“) wird in 1000 Metern Höhe der Apuanischen Alpen seit rund 2000 Jahren der reinweiße Carrara Marmor in mittlerweile rund 150 verschiedenen Steinbrüchen abgebaut.

Dieser Marmor, der im Winter leicht mit Schnee verwechselt wird, wurde hier bereits in biblischen Zeiten, also vor rund 2000 Jahren zu Zeiten von Kaiser Augustus, entdeckt. Die qualitativ beste Sorte der 50 verschiedenen Carrara Marmor Sorten wurde durch Michelangelos Bildhauerei als „Marmor Statuario“ weltberühmt. Die besonders feine Körnung und damit hohe Bruchfestigkeit bei der Bearbeitung zeichnen ihn als hervorragendes Material für die Bildhauerei aus. Aus diesem Marmor schuf Michelangelo, der sich seinerzeit den Marmor in den Steinbrüchen persönlich aussuchte, u.a. den David, und in den Bildhauerschulen von Carrara streben Schüler diesem großen Künstler nach. Der Carrara Marmor fand auch für den Dom von Florenz, den schiefen Glockenturm von Pisa, im Petersdom und im ehemaligen World Trade Center Verwendung.

Wegen seines hohen Calciumanteils findet der Marmor neben exklusiverer Bildhauerei und Architektur auch in Zahncremes seine industrielle Verwendung. Obwohl dieser weltweit einmalige Marmor an der Erdoberfläche nur auf dem sehr begrenzten Raum um Carrara vorkommt, geht seine geologische Entstehung auf wesentlich großräumigere, erdgeschichtliche Ereignisse zurück:
Vor etwa 30 Millionen Jahren begannen die tektonische Annäherung der europäischen und der afrikanischen Platte. Infolge dieser heute noch andauernden Bewegung falteten sich in mehreren Phasen die Alpen auf, und in der Gegend des heutigen Carrara entstand durch chemische Prozesse in großer Tiefe und unter mehreren Millionen Atmosphären Druck aus weichem, marinen Kalksedimentgesteinen der kristalline Marmor, der im laufe der weiteren Faltung an die Erdoberfläche gehoben wurde.

In der Renaissance, der Zeit Michelangelos, hatte man begonnen den Marmor mit Schwarzpulversprengungen abzubauen. Bei dieser Raubbaumethode wurde viel wertvoller Marmor zu nutzlosem Schutt zersprengt, und Schutthalden, die besonders bei feuchter Witterung eine Gefahr durch Erdrutsche darstellen, prägen heute das Landschaftsbild rund um Carrara. Ab 1896 wurden die Abbaumethoden schonender, als man begann, den Marmor mit wassergekühlten Stahlseilen in Blöcke zu zersägen. Heutzutage geht der Marmorabbau mit diamantbesetzten Stahlseilen (seit 1980), Planierraupen und Schaufelbaggern vonstatten.

Obwohl die Zahl der tödlichen Unfälle seit dem Ende der Sprengungen geringer ist, bleibt der Marmorabbau weiterhin ein gefährliches Geschäft, wenn Stahlseile reißen und die Diamanten wie Geschosse durch die Luft fliegen oder wenn der Marmor per LKW über Serpentinen mit enormen Steigungen und beängstigenden Gefällen über enge und zuweilen rutschige, regennasse Pisten abtransportiert werden muss. Mittlerweile wird der hochwertige Marmor, der einen Preis von 1.050 €/ Tonne erzielen kann und von dessen Gesamtproduktion 75% ins Ausland gehen, knapp.

3.500 Menschen verdienen heute noch ihr Geld mit dem Marmorhandel, davon gut 1.000 im direkten Abbruch.


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